An Josip Simunic sind nur wenige Dinge so, wie sie auf den ersten Blick erscheinen. Zunächst einmal lässt sein Akzent, ein Überbleibsel aus seiner Kindheit und Jugend in Canberra, vermuten, dass er mit Leib und Seele Australier ist. Stattdessen ist er stolz auf seine kroatischen Wurzeln und kann bereits auf 60 Länderspiel-Einsätze für Kroatien zurückblicken.
Auch auf dem Spielfeld täuscht der erste Eindruck. Angesichts der stämmigen Statur des Innenverteidigers sind oftmals weder Zuschauer noch Gegner auf die Geschicklichkeit und das Ballgefühl vorbereitet, die inzwischen zu seinem Markenzeichen geworden sind.
In dieser Hinsicht kann Simunic jedoch als typischer Kroate beschrieben werden. Schließlich sind die Vatreni dafür bekannt, dass sie Spieler mit hervorragender Technik hervorbringen, was die jungen Generationen, die in die Fußstapfen der hochtalentierten "Goldenen Generation" von Davor Suker, Robert Prosinecki, Aljosa Asanovic etc. treten sollen, immer wieder vor neue Herausforderungen stellt.
Paradoxerweise wollen Prosinecki und Asanovic beide dafür sorgen, dass ihre eigenen Erfolge in den Schatten gestellt werden. Das legendäre Duo spielt nämlich eine wichtige Rolle im Trainerstab, an dessen Spitze der beeindruckende und zunehmend gefragte Slaven Bilic steht.
Der junge kroatische Nationaltrainer hat seinen Vertrag erst kürzlich über die UEFA EURO 2008 hinaus verlängert. Simunic ist der Ansicht, dass damit die in jüngster Zeit erzielten Fortschritte in der bevorstehenden Qualifikation für die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Südafrika 2010™ weiter ausgebaut werden können.
Der Innenverteidiger von Hertha BSC Berlin gibt offen zu, dass die Kroaten ihrem Image als ewiger Turnierversager bei den letzten großen Turnieren voll gerecht geworden sind. Allerdings beweisen die Erfolge gegen England und Russland in der EURO-Qualifikation seiner Meinung nach, dass die neue Generation aus einem anderen Holz geschnitzt ist.
"Das Potenzial ist auf jeden Fall da", meint er gegenüber FIFA.com. "Andererseits hatten wir schon immer das Potential - es kommt nur darauf an, es so umzusetzen, dass eine gute Turniermannschaft entsteht. In dieser Hinsicht haben wir in der Vergangenheit enttäuscht. Ich glaube aber, dass wir es dieses Mal viel besser machen können."
"Ich bin davon überzeugt, dass wir wirklich etwas bewegen können. Das Ziel in diesem Sommer muss der Einzug ins Viertelfinale sein - das wäre ein Riesenerfolg. Was danach kommt, weiß ich nicht. Um ehrlich zu sein, ist schon die Tatsache, dass wir uns überhaupt qualifiziert haben, ein Erfolg. Insbesondere wenn man sich ins Gedächtnis ruft, wen wir auf dem Weg dorthin aus dem Rennen geworfen haben. Aber jetzt haben wir es geschafft, und ich halte die K.o.-Runde für ein erreichbares Ziel."
Beständigkeit ist der Schlüssel zum Erfolg
Der erfahrene Nationalspieler, der bereits bei Kroatiens Fehlversuchen bei den letzten beiden FIFA Fussball-Weltmeisterschaften und der UEFA EURO 2004 dabei war, weiß aus eigener Erfahrung, wie schmal der Grat zwischen Erfolg und Misserfolg bei großen Turnieren sein kann. Daher glaubt er auch an die große Bedeutung der scheinbar geringfügigen Änderungen, die Bilic vorgenommen hat: So ist beispielsweise die Umstellung von Kroatiens traditionellem 3-4-1-2-System auf ein 4-2-3-1-System nicht zu unterschätzen.
Auch die überaus talentierte neue Generation darf nicht unterschätzt werden, allen voran Vedran Corluka und Luka Modric, die beide aus dem zuvor von Bilic trainierten U-21-Team nachgerückt sind. Laut Simunic liegt der größte Fortschritt unter dem neuen Trainerteam jedoch darin, dass die unerwarteten und oft unerklärlichen Ausrutscher, die vorherigen kroatischen Mannschaften häufig zum Verhängnis wurden, praktisch ausgemerzt werden konnten.
"An einem guten Tag können wir jeden Gegner schlagen", meint er. "Wir haben das im Laufe der letzten zehn Jahre immer wieder unter Beweis gestellt. Gleichzeitig haben wir in dieser Zeit aber auch bewiesen, dass wir gegen weniger gute Gegner ganz übel versagen können. Glücklicherweise scheint sich in dieser Hinsicht etwas verbessert zu haben. Unter dem derzeitigen Trainer haben wir beständiger gespielt. Wenn wir das auch bei der EURO schaffen, sehe ich nicht, warum wir nicht erfolgreich sein sollten."
Andererseits hat Simunic ja selbst eingeräumt, dass Kroatien die besten Leistungen traditionell gegen die hochkarätigsten Gegner abruft. Das jüngste Beispiel dafür ist England. Könnte es daher eher ein Nachteil sein, dass man in eine relativ machbare Gruppe gelost wurde, in der Österreich, Deutschland und Polen vertreten sind?
"So sehe ich das nicht", lautet Simunics klare Antwort. "Alle Mannschaften, gegen die wir antreten müssen, sind hochklassige Mannschaften. Selbst Österreich, das sich nicht qualifizieren musste, wird ein sehr harter Gegner werden. Schließlich hat die Mannschaft Heimvorteil und die Zuschauer auf ihrer Seite. Wir haben gesehen, was das für einen enormen Einfluss haben kann. Denken Sie nur an Deutschland bei der WM. Es wird sicher nicht leicht werden, und wenn irgendjemand in unserem Team da anderer Meinung ist, dann sollte er besser ganz schnell aufwachen."
"Eduardo ein herber Verlust"
Kroatien wurde sicherlich abrupt aus den EURO-Träumen gerissen, als man sich in der ersten Partie nach dem legendären 3:2-Qualifikationssieg gegen England mit 0:3 gegen die Niederlande geschlagen geben musste. Bilic zeigte sich nach dem Spiel jedoch nicht sonderlich besorgt und erklärte die Niederlage im Freundschaftsspiel sogar für notwendig, um die Euphorie nach Wembley etwas zu dämpfen. Er setzte sein Testspielprogramm unbeeindruckt fort und organisierte für den 26. März eine Partie im Glasgower Hampden Park.
"Das Testspiel gegen Schottland hat uns definitiv geholfen", meint Simunic rückblickend auf das hart erkämpfte 1:1. "Das Spiel war extrem knifflig, weil die Schotten uns keinen Zentimeter Platz gelassen haben. Sie waren ungemein aggressiv und kampfstark, und genau das brauchten wir in diesem Augenblick. In diesem Spiel haben wir viele gute Aktionen gezeigt, und natürlich auch einige schlechte. Dadurch wissen wir jetzt, woran wir im Laufe der nächsten beiden Monate noch arbeiten müssen."
Die Partie in Glasgow war auch das erste Spiel ohne Stürmerstar Eduardo, der sich beim Spiel gegen Birmingham City einen fürchterlichen Beinbruch zugezogen hatte, der ihn von einem Auftritt beim europäischen Großereignis dieses Sommers abhalten wird. Der Star von Arsenal London hatte in der Qualifikation zehn Tore für die Kroaten erzielt, und Simunic gibt unumwunden zu, dass sein Ausfall ein harter Schlag ist.
"Das ist ein herber Verlust", so der Verteidiger. "Wir haben natürlich noch einige andere hochklassige Spieler, aber Eduardo ist einer der komplettesten Stürmer, die ich je gesehen habe. Er wird uns furchtbar fehlen. Das ist wirklich Pech, besonders für Eduardo selbst. Andererseits erhält so jemand anders die Chance, zum Helden aufzusteigen."
Ein wahres Sommermärchen wäre es natürlich, wenn Ivan Klasnic dieser Heldenstatus zuteil werden würde. Nach zwei Nierentransplantationen und 18-monatiger Abwesenheit ist er nun wieder in den kroatischen Kader zurückgekehrt. Für Simunic gibt es jedoch noch einen anderen Punkt, der ihm fast genauso wichtig erscheint wie Klasnics Rückkehr ins Team: Bilic hat nämlich bestätigt, dass Eduardo, auch wenn er nicht spielen kann, eingeladen ist, mit der Mannschaft nach Österreich und in die Schweiz zu reisen.
"Das ist eine großartige Geste", meint der hünenhafte Abwehrspieler. "Ich fände es auf jeden Fall gut, wenn er dabei wäre. Das würde uns zusätzlich motivieren, hier ganz besondere Leistungen zu bringen."